Sucdi (16), Somalia
Ein sehr großes Anliegen ist mir,
dass endlich wieder Friede herrscht.
Mein Name ist Sucdi, ich bin 16 Jahre alt und komme aus Somalia. Meine Muttersprachen sind Somalisch und Arabisch, meine Religion ist der Islam. Ich bin nach Österreich gekommen, als ich neun Jahre
alt war.
Meine Familie musste flüchten, weil die Situation in Somalia einfach schon zu schlecht war. Es wurden Kriege gegen die Stämme geführt, und unser Stamm war der rangniedrigste dort. Es herrschte
Rassismus und eine große Hungersnot, wir hatten kaum Wasser, wir mussten weg, wir fühlten uns einfach nicht mehr sicher genug. Meine Schwester ist zudem sehr krank, sie leidet an Epilepsie, und wir
hatten keinen Arzt, denn die medizinische Versorgung funktionierte auch nicht mehr.
Die Flucht war unerwartet und hektisch
An dem Tag, an dem wir flüchteten, weiß ich noch, dass einfach alles total schnell ging. Es war hektisch und chaotisch.
Wir hatten ja schon vorher etwas gespart, weil wir wussten, dass es früher oder später zu einer Flucht kommen würde und wir dann ganz schnell fliehen mussten; also hat meine Mutter ihr Gold
verkauft.
An einem Nachmittag hat dann mein Vater meine zwei kleinsten Geschwister in Sicherheit gebracht, mein Cousin, seine Frau mit den zwei Kindern und wir, meine Mutter, meine Schwester, wir sind dann zum
Flugzeug und erstmal von Somalia nach Dubai und von dort nach Wien geflogen.
Du kommst einfach von einer Welt in eine komplett andere Welt
Wir sind dann mittags in Wien gelandet und mit einem Bus nach Traiskirchen gekommen. Ich weiß noch, dass mir alles wie im Traum vorgekommen ist; ich hatte zwar schon eine gewisse Vorstellung von
Europa, aber es war dann doch anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Es war einfach so ungewohnt, du kommst von einer Welt in eine komplett andere Welt und damit musste ich erst einmal klarkommen.
Ich war so erschöpft von alledem, dass ich dann einfach geschlafen habe.
In Traiskirchen wurden die Älteren von uns zu einer Befragung mitgenommen, die einige Stunden dauerte, ich musste aber mit meinen kleineren Geschwistern nicht mit. Ich erinnere mich noch, dass wir
eine sehr nette Betreuerin hatten, die uns sehr freundlich aufgenommen und uns Kleineren Teddybären geschenkt hat.
Am Anfang war der Start hier für mich schon sehr schwer, weil ich die Sprache ja überhaupt nicht verstanden habe. Ich war zwar in Somalia schon in der Schule, habe aber auch nur Arabisch und
Somalisch gelernt; mein Cousin war der Einzige von uns, der sich mit Englisch verständigen konnte.
Meine Mutter und meine Cousine mussten ins Krankenhaus
Besonders schlimm war es für mich, als meine Mutter und meine Cousine hier in Österreich gleich in ein Krankenhaus mussten. Meine Mutter hatte Probleme mit ihrem Herz und musste dringend operiert
werden, meine Cousine hatte sich den Arm gebrochen. Sie war auch schwanger.
Meine Mutter war sehr, sehr lange nicht bei uns, weil sie nach der Operation auch noch eine Therapie brauchte, und meine Cousine kam dann erst nach zwei Monaten zu uns.
Ich war in Traiskirchen schon sehr auf mich alleine gestellt, weil ich in der ersten Zeit die Älteste von den Kleinen war, und so musste ich die meisten Dinge alleine machen: für’s Essen Schlange
stehen und auf die Jüngeren aufpassen.
Die erste Zeit in Wien
Nach etwa sieben Monaten in Traiskirchen sind wir schließlich in ein Haus nach W. übersiedelt, wo Flüchtlinge hinkommen, um sich in dem neuen Land noch einzugewöhnen.
Ich bin dann auch in die Schule gegangen, meine Mutter und meine Cousine haben einen Deutschkurs besucht. Die zwei Jüngsten sind in den Kindergarten gekommen und meine Schwester, die an Epilepsie
leidet und nicht sprechen kann, wurde immer abgeholt und in eine spezielle Schule gebracht.
Mein Cousin war immer eine sehr große Hilfe für uns, er hat alle wichtigen Sachen für uns erledigt, weil er sich einfach am besten verständigen konnte, er hat aber auch einen Deutschkurs
belegt....
